IN DEM DER BLICK SICH WENDET


mit Gedichten von Peter Schwanz

Bizarrer Strauß, Öl 2004, 58 x 48 cm
Meine Mutter, Öl 1975, 64 x 56 cm

LIEBE MUTTER! Sonst kein Wort
… steht auf einem Stein geschrieben.
Liebe Mutter – nicht geblieben,
gingst du, und nun wirklich: fort?

Ohne Zeit und Raum jetzt; – doch
andre Zeiten, andre Räume
sind in unsern, … ziehn wie Träume
durch der Tage strenges Joch.

… Und wird, was du nicht mehr hältst,
dennoch nie ganz ausgeklinkt:
bleibt als Lächeln, – das noch winkt,

wenn ich durch die Straßen irre; Nachtgedanken, die man wälzt,
hellerm Sinne zu entwirre.

UND ES GEHN wie zwischen
Tränen, die ich wein,
Bilder aus und ein,
die sich sanft verwischen,

stumm nach stillen Nischen
suchend, – wo sich kein
Blick mehr ihrer Pein
annimmt: sie zu mischen

in das Übermaß
einer Heiterkeit,
… die uns nie verzeiht,

wenn wir ihr entziehen,
– was doch alle fliehen
… ohne Unterlaß.

Kleiner Kapuzinerkressestrauß, Öl 1974, 28 x 24 cm
Grüne Äpfel, Aquarell 1981, 22 x 29 cm
Vorhang aus Efeu, Öl 2003, 60 x 71 cm
Malvenstock, Öl 2015, 71 x 54 cm

LAS ICH EBEN, nur im Herzen wohne
Heimat, ginge jäh mit ihm entzwei,
zögen dann in graustes Einerlei,
drin Alleinsein triumphierend throne,

… weiß ich auch: Nicht jeder fragt, was ohne
Zweifel dauert, … flüchtet, jagt vorbei,
was nie festzuhalten ist: den Schrei
harsch erstickend, der erheischt, verschone

ein bald Letztes! – das uns dennoch bleibt;
blaß verhallend … stets noch zu uns dringend;
sich entziehend schon – erst ganz gelingend,

wenn sich’s tief uns ins Gedächtnis schreibt:
langend bis zu unsres Herzens Fühlen,
sich in seiner … dunklen Glut – zu kühlen.

DU BIST NOCH JUNG, denk ich. Und weiß auch längst:
kein Tag wie dieser; und doch blieb von allen,
die ich schon lebte, nichts … Sind wir befallen
von einer Einsamkeit, die du nicht sprengst,

bevor du tausend Jahre weiter bist?
– Auf einmal spürst du’s vor dir, dich ergreifen,
als würde dich ein großer Atem streifen.
– Sei dann gewappnet; bleib bei jemand: Wisst

einander hinzunehmen als des Lebens Kern!
… der sich nie findet, – aber wie von fern
zuweilen auftut in verworrnen Blicken,

in denen aufblitzt, … was zu tausend Stücken
zerfällt, wenn es auch manchmal wie ein Stern
zu sehen ist in schmalen Wolkenlücken.

Hockende, Weiße Kreide auf schwarzem Papier 1983, 22 x 16 cm
Tränendes Herz, Öl 1970, 59 x 42 cm
Wald, Öl 1972, 64 x 58 cm

SIE STEHEN REGLOS, manche wie geschnitzt,
die leeren Bäume, deren Blätterfülle
zugleich das Kleid war jener tiefen Stille,
– die auftaucht, wenn, als wär’s ein Blatt, das blitzt,
die Zeit sich wendet; … und im Augenblick
                              
die reichen Täler längst vergessner Zeiten
sich auftun und vor deinem Herzen weiten,
so, dich umfließend, dich zu sich zurück-

zuholen, … um sich endlos auszubreiten.
– Doch du bliebst unempfänglich wie ein eigner Wille,
der an sich rafft, was nichts als seine Hülle

zurücklässt; und verschmähtest, dich zu pflanzen
zu Bäumen, – die uns, wo wir fröstelnd schreiten,
erstarren lassen: … als noch Teil des Ganzen.

WURDEN DIE WANGEN MILDER
ODER WEICHER DIES LICHT?
… Ist’s noch ein Wort – oder nicht
mehr als das Stranden der Bilder,

was mich erreicht? – leichte Barken,
deren umstrittene Last
hin zu verschwiegener Rast
sinkt wie ins Scharren von Harken:

Aussaat des Monds, – von der nichts
aufgeht als deines Gesichts
dunkel erblühende Narben;

schüchtern im Goldmeer der Garben
fernerer Saat – des Verzichts Nachlaß, … dem andere starben.

Studie, Bleistift 1963, 27 x 16 cm
Analyse ’79, Tempera 1979, 28 x 38 cm
Hafen, Öl 1971, 62 x 53 cm

ES IST EIN LAND VERLOREN,
sich selber unbekannt,

darin noch Liebe wohnt:

den Blicken tief verborgen,

falls man das Auge schont, das,
… nur sich selbst zu finden,

in – anderem zu gründen

versucht; und – nicht zu sehn,

wie fremde Schiffe gehn

die jedenHafen meiden;

… und ziehn in einen Morgen,

der sie ins – Heute bannt,

… bis sanfte Wellen leise,

von niemandem erkoren,

je kundzutun, was leiden

heißt, einen Bug umspielen:

als wüßten sie von Zielen
höchst ungewisser Reise.

Fortschritt, Öl 1971, 64 x 50 cm
Industrie, Öl 1970, 42 x 59 cm

NOCH BIN ICH FEUER. Und ich will es bleiben, wenn Kälte fordert, was der Winter nimmt,
… den wir, nur ganz allmählich eingestimmt, betreten, – um ihn bald zu übertreiben

in jenem Sturm, den unser Herz entfacht, weil es versinkt: stets über alle Maßen
geleitet und gehalten auf den Straßen,
– die schon bereit sind, einer fremden Macht

das Tor zu öffnen, das ich immer mied;
– denn Zeit war nichts … Und etwas Gültigkeit
blieb nur im Wind der Ungebundenheit,
der, jäh sich blähend, zum Orkan geriet:

… und innehält, als lasse man uns sehen,
dass wir in diesem einen nicht bestehen.

Sonnenblumen in Rot, Öl 1971, 68 x 64 cm
Der Fluß, Öl 1976, 49 x 64 cm
Sommerwind, Öl 2017, 52 x 71 cm