IN DEM DER BLICK SICH WENDET
mit Gedichten von Peter Schwanz


LIEBE MUTTER! Sonst kein Wort
… steht auf einem Stein geschrieben.
Liebe Mutter – nicht geblieben,
gingst du, und nun wirklich: fort?
Ohne Zeit und Raum jetzt; – doch
andre Zeiten, andre Räume
sind in unsern, … ziehn wie Träume
durch der Tage strenges Joch.
… Und wird, was du nicht mehr hältst,
dennoch nie ganz ausgeklinkt:
bleibt als Lächeln, – das noch winkt,
wenn ich durch die Straßen irre; Nachtgedanken, die man wälzt,
hellerm Sinne zu entwirre.
UND ES GEHN wie zwischen
Tränen, die ich wein,
Bilder aus und ein,
die sich sanft verwischen,
stumm nach stillen Nischen
suchend, – wo sich kein
Blick mehr ihrer Pein
annimmt: sie zu mischen
in das Übermaß
einer Heiterkeit,
… die uns nie verzeiht,
wenn wir ihr entziehen,
– was doch alle fliehen
… ohne Unterlaß.




LAS ICH EBEN, nur im Herzen wohne
Heimat, ginge jäh mit ihm entzwei,
zögen dann in graustes Einerlei,
drin Alleinsein triumphierend throne,
… weiß ich auch: Nicht jeder fragt, was ohne
Zweifel dauert, … flüchtet, jagt vorbei,
was nie festzuhalten ist: den Schrei
harsch erstickend, der erheischt, verschone
ein bald Letztes! – das uns dennoch bleibt;
blaß verhallend … stets noch zu uns dringend;
sich entziehend schon – erst ganz gelingend,
wenn sich’s tief uns ins Gedächtnis schreibt:
langend bis zu unsres Herzens Fühlen,
sich in seiner … dunklen Glut – zu kühlen.
DU BIST NOCH JUNG, denk ich. Und weiß auch längst:
kein Tag wie dieser; und doch blieb von allen,
die ich schon lebte, nichts … Sind wir befallen
von einer Einsamkeit, die du nicht sprengst,
bevor du tausend Jahre weiter bist?
– Auf einmal spürst du’s vor dir, dich ergreifen,
als würde dich ein großer Atem streifen.
– Sei dann gewappnet; bleib bei jemand: Wisst
einander hinzunehmen als des Lebens Kern!
… der sich nie findet, – aber wie von fern
zuweilen auftut in verworrnen Blicken,
in denen aufblitzt, … was zu tausend Stücken
zerfällt, wenn es auch manchmal wie ein Stern
zu sehen ist in schmalen Wolkenlücken.



SIE STEHEN REGLOS, manche wie geschnitzt,
die leeren Bäume, deren Blätterfülle
zugleich das Kleid war jener tiefen Stille,
– die auftaucht, wenn, als wär’s ein Blatt, das blitzt,
die Zeit sich wendet; … und im Augenblick
die reichen Täler längst vergessner Zeiten
sich auftun und vor deinem Herzen weiten,
so, dich umfließend, dich zu sich zurück-
zuholen, … um sich endlos auszubreiten.
– Doch du bliebst unempfänglich wie ein eigner Wille,
der an sich rafft, was nichts als seine Hülle
zurücklässt; und verschmähtest, dich zu pflanzen
zu Bäumen, – die uns, wo wir fröstelnd schreiten,
erstarren lassen: … als noch Teil des Ganzen.
WURDEN DIE WANGEN MILDER
ODER WEICHER DIES LICHT?
… Ist’s noch ein Wort – oder nicht
mehr als das Stranden der Bilder,
was mich erreicht? – leichte Barken,
deren umstrittene Last
hin zu verschwiegener Rast
sinkt wie ins Scharren von Harken:
Aussaat des Monds, – von der nichts
aufgeht als deines Gesichts
dunkel erblühende Narben;
schüchtern im Goldmeer der Garben
fernerer Saat – des Verzichts Nachlaß, … dem andere starben.



ES IST EIN LAND VERLOREN,
sich selber unbekannt,
darin noch Liebe wohnt:
den Blicken tief verborgen,
falls man das Auge schont, das,
… nur sich selbst zu finden,
in – anderem zu gründen
versucht; und – nicht zu sehn,
wie fremde Schiffe gehn
die jedenHafen meiden;
… und ziehn in einen Morgen,
der sie ins – Heute bannt,
… bis sanfte Wellen leise,
von niemandem erkoren,
je kundzutun, was leiden
heißt, einen Bug umspielen:
als wüßten sie von Zielen
höchst ungewisser Reise.


NOCH BIN ICH FEUER. Und ich will es bleiben, wenn Kälte fordert, was der Winter nimmt,
… den wir, nur ganz allmählich eingestimmt, betreten, – um ihn bald zu übertreiben
in jenem Sturm, den unser Herz entfacht, weil es versinkt: stets über alle Maßen
geleitet und gehalten auf den Straßen,
– die schon bereit sind, einer fremden Macht
das Tor zu öffnen, das ich immer mied;
– denn Zeit war nichts … Und etwas Gültigkeit
blieb nur im Wind der Ungebundenheit,
der, jäh sich blähend, zum Orkan geriet:
… und innehält, als lasse man uns sehen,
dass wir in diesem einen nicht bestehen.


