MEER ZÄRTLICHER BLÄUE
mit Gedichten von Peter Schwanz


DIE WINTERLICHTEN RAINE,
wie fliegen sie vorbei!
bis ich im Einerlei
versinke, – in das Eine,
das sich dem Blick entzieht,
– der sich vom Wege wendet,
nichts mehr auf ihn verschwendet;
doch dort, wohin er flieht,
sich neu entzünden wird,
… noch spät durch Nebel irrt,
– in denen wir vergessen,
daß, was wir kaum besessen,
schon längst im Frost zerklirrt,
den … unsre Schritte messen.
FÄLLT NUN DIE WELT INS LEERE
– sei schon ein wenig weiter:
Bleib unter Tränen heiter,
und – spotte letzter Schwere!
die sich noch als Barriere
entgegenstellt – Bestreiter
von allem; doch Begleiter
dir plötzlich, … wenn die Wehre
der Ungewißheit sich
nicht länger sträuben, dich
aus sich hinauszuspülen
in ein gelaßnes Treiben …:
sanft wechselnd zu Gefühlen,
… die nicht dieselben bleiben.






WIEDER KINDERLACHEN – Leben.
Sieh die kleinen, weichen Hände,
so, als fänd’ sich nie ein Ende,
schon am Tuch der Zukunft weben;
längst den Nornenfaden spinnen:
immer länger! … Niemals dünner?
Gäbe es doch nur Gewinner,
wenn sekundenschnell gerinnen
ach so vieles! – zu gewahren
vor stets unerreichtem Gipfel
… und als erster, vager Zipfel
dessen, was uns widerfahren
wird … Und die, die um uns spielen,
scheinen dies – und mehr zu fühlen.
ERLOSCHEN der Sonne letzter Brand;
die Farben erkalten … und, milder,
entreißt der Abend, sich schließend, dich
dir aus Springfluten jener Bilder
des Tags: – die, dich umreißend, du warst;
… schon steigen Nebel zu stiller Wand,
verliert das Schrein der Kontraste sich
vor dem, worauf du nicht mehr beharrst.



AUCH DIESES NOCH. Und ist (wie es sich löst
in deiner Nähe) erst ein schwaches Flattern,
das noch nicht trägt: … gefangen in den Gattern,
– in die der Gleichmut jene Herzen stößt,
die sich bewahrten, … um sich zu verlieren;
– und blieben kühl in einem milden Licht,
das lange wärmt, – bis zögernd aus uns bricht,
was wir nur spüren, … weil wir plötzlich frieren.


WENN DIE GEDANKEN KREISEN
fast ohne Ziel und Sinn,
… zieht’s manchmal wie ein Reißen
zu andern Bahnen hin,
– die sich uns stets entzogen,
weil, ganz in uns gekehrt,
wir meistens nur erwogen,
was Reue nie beschwert;
– und wurden blaß und hohl:
Bewohner von Gefilden,
… die sich aus Schatten bilden,
– bis einer sie verläßt,
jählings hinausgepreßt
… wie aufs Geratewohl.



GLEISSEN DER JANUARSONNE,
das nur verspricht.
… Wer wird mich halten
in wieder vollerer Zeit
… oder in jähem Gericht?
– das, wo sich viele entfalten,
jedem Verstehen zum Hohne,
andre, selbst letztes Geleit
nicht mehr gestattend, zerbricht
… wie dürre Halme; – zu weit
ab, als daß jemand rief‘: Schone,
rett diese Letzten noch, halt den
Ablauf auf! – Fehlt längst doch nicht
manchen, die blieben, als zahlten
ausschließlich andre, was ohne
Ausgleich bleibt, Menschsein als Leid.




WÄLDER IM FROST … Ihre FLotten
löschte der Herbst. Und ein Meer
zärtlicher Bläue liegt leer
über dem dumpfen Verrotten
alter Versäumnisse, – die
stürmischer, werbender drängen,
wo sie vereinzelt noch hängen
– spärliche Traummelodie,
… die wir schon nicht mehr vernehmen,
aber auf einmal zu lesen
– und zu ergänzen verstehn:
Noten, die, weil sie verwehn,
uns aus Erstarrungen lösen,
… wenn wir uns dazu bequemen.
